Warum eigentlich harmlose Stoffe bedrohlich werden

Quelle:?https://www.spektrum.de/news/allergien-warum-eigentlich-harmlose-stoffe-bedrohlich-werden/2118363?
Pollen, Lebensmittel, Tiere: Jeder Dritte leidet zumindest zeitweise an einer allergischen Reaktion, die heftig ausfallen kann. über die Volkskrankheit Allergie.
von?Christian Heinrich?und?Annette Doerfel
Es beginnt mit einer ungew?hnlichen Fehleinsch?tzung des K?rpers. Dabei wird aber nicht etwas Gef?hrliches als ungef?hrlich bewertet. Es w?re naheliegend, dass dies zu Problemen führen kann. Bei Allergien ist es umgekehrt: Etwas Ungef?hrliches wird als gef?hrlich eingestuft. Und auch das kann weit reichende Folgen haben. Denn um gegen die vermeintliche Bedrohung, das Allergen?– so nennt man die Substanz, die falsch eingesch?tzt wird?–, gewappnet zu sein, reagiert das Abwehrsystem des K?rpers teilweise heftig. Manchmal k?nnte man sogar sagen: Es flippt regelrecht?aus.
Themenwoche: ?Allergien?– Wenn der K?rper überreagiert?
Die Nase l?uft, die Haut juckt und im schlimmsten Fall droht der Schock: In Deutschland leiden mittlerweile rund 30?Prozent der Menschen zumindest zeitweise unter Allergien. Sie müssen die Natur meiden, wenn die Pollen fliegen, oder aufpassen, welche Nahrungsmittel sie zu sich nehmen. Doch warum reagieren manche Menschen überhaupt allergisch auf Nüsse, Federn oder Pollen? Und welche M?glichkeiten gibt es, die l?stigen Symptome zu lindern oder gar loszuwerden? Unsere Themenwoche über die Volkskrankheit Allergie.
Allergien:?Warum eigentlich harmlose Stoffe bedrohlich werden
Allergie:?Wenn die Pollen st?rker fliegen
Heuschnupfen:?Praktische Tipps für Pollengeplagte
Lebensmittelallergien:?Mit Vorsicht genie?en
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Haustier trotz Allergie:?Kann eine Hyposensibilisierung helfen?
Laut Robert Koch-Institut (RKI)?haben etwa 30?Prozent der Deutschen mindestens eine Allergie. Allerdings unterscheidet sich die Allergieh?ufigkeit je nach Lebensalter. So ist das Immunsystem von?rund 41?Prozent?der Kinder und Jugendlichen gegen mindestens eine Substanz in der Luft oder in den Nahrungsmitteln bereits sensibilisiert. Dann kann es auch zu einer Allergie kommen:?An Heuschnupfen leiden etwa 11?Prozent der Kinder, an Neurodermitis 12,8?Prozent?(siehe Grafik ?Allergische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen?).
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Unter jungen Erwachsenen zwischen 18 und 49?Jahren haben?mehr als ein Drittel mindestens einmal im Jahr mit einer Allergie zu k?mpfen. Bei allen Erwachsenen leiden etwa 30?Prozent?an mindestens einer Allergie, davon die meisten unter Heuschnupfen?(siehe Grafik ?Allergische Erkrankungen bei Erwachsenen?).
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Bei den??lteren Menschen über 65?Jahren ist nur etwa jeder fünfte betroffen?(siehe Grafik ?12-Monats-Pr?valenz von Allergien bei Erwachsenen nach Alter? ). ?Das hat aber nur wenig damit zu tun, dass manche Allergien mit zunehmendem Alter verschwinden, das kommt gar nicht so h?ufig vor. Es liegt vielmehr daran, dass die ?lteren Menschen in anderen Zeiten aufgewachsen sind?, sagt Claudia Traidl-Hoffmann, Direktorin des Instituts für Umweltmedizin bei Helmholtz Munich. Damals habe es noch mehr und umfassenderen Kontakt mit einer vielf?ltigen, artenreichen Umgebung gegeben, das Immunsystem wurde besser trainiert. ?Heute spielen Kinder seltener drau?en, gerade in St?dten ist der Kontakt mit der Umgebung recht eingeschr?nkt. Gleichzeitig kommt das Immunsystem im frühen Kindesalter in Kontakt mit vielen starken Allergenen wie zum Beispiel Pollen, die durch den Klimawandel immer mehr werden. Hautsch?digende Chemikalien und Luftschadstoffe machen die Haut l?chrig, und so kommen Allergene erst in Kontakt mit dem Immunsystem. Die Allergie entsteht?, sagt Claudia Traidl-Hoffmann, die auch Inhaberin des Lehrstuhls für Umweltmedizin an der Universit?t Augsburg?ist.
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?Schon zur Zeit der R?mer gab es Allergien. Man wusste
zum Beispiel, dass Kaiser Augustus Heuschnupfen hatte?
Stephan Meller, Universit?tsklinikum Düsseldorf
Allergien zu Kaiser Augustus' Zeiten
Allergische Reaktionen sind in den vergangenen Jahrzehnten h?ufiger geworden, doch bekannt sind sie schon lange?– zumindest einige Beschwerden. ?Bereits zur Zeit der R?mer gab es Allergien. Man wusste zum Beispiel, dass Kaiser Augustus Heuschnupfen hatte?, sagt Stephan Meller, Allergologe und stellvertretender Direktor der Klinik für Dermatologie am Universit?tsklinikum Düsseldorf. Doch es war manches Mal ein regelrechtes Detektivspiel, herauszufinden, was der Ausl?ser der jeweiligen Allergie ist. So?beobachtete 1552 der Mail?nder Arzt Gerolamo Cardan seinen Patienten, den Erzbischof von Edinburgh John Hamilton, 40?Tage lang, bis er das mit Federn gefüllte Bettzeug gegen einen mit Stroh gefüllten Bezug aus Seide und Leinen austauschen lie?. Und die allergischen Beschwerden verschwanden umgehend.
Einen systematischen Test gegen m?gliche Allergene?– einen Vorl?ufer des Allergietests auf der Haut?– hat erst der Wiener Kinderarzt Clemens von Pirquet entwickelt. Er war es auch, der 1907 den Begriff Allergie etablierte. Den neuesten Schub an Erkenntnissen gab es in den vergangenen Jahrzehnten: Durch molekularbiologische Analysemethoden versteht man mittlerweile immer besser, was bei einer Allergie eigentlich auf Zellebene geschieht, welche Botenstoffe welche Mechanismen ausl?sen.
Warum der K?rper überreagiert
Welche an sich harmlosen Substanzen vom K?rper f?lschlicherweise als Bedrohung eingesch?tzt werden, ist ganz unterschiedlich, theoretisch kann fast alles ein Allergen sein (siehe ?Welche Allergene gibt es??). Die h?ufigsten Ausl?ser für Allergien sind Pollen und Nahrungsmittel, aber auch der Kontakt mit ganz verschiedenen Substanzen auf der Haut kann Allergien ausl?sen, angefangen bei Duftstoffen in Feuchtigkeitscremes über Absonderungen von Tieren bis hin zu Latexhandschuhen. Wer allergische Symptome wie Juckreiz, eine laufende Nase oder Hautausschlag hat, kann bei einem Allergologen oder einer Allergologin verschiedene Tests machen, um herauszufinden, ob und wenn ja, welche Allergie vorliegt (siehe ?Wie weist man eine Allergie nach??). Die Pollenallergie, auch unter dem Namen Heuschnupfen bekannt, geht h?ufig mit Asthma bronchiale einher. Das ist eine chronische Erkrankung der Atemwege, die sich kurzzeitig verengen, was Atemnot hervorrufen kann. Kommt es zu solchen Asthmaanf?llen durch den Kontakt mit bestimmten Pollen, spricht man von allergischem Asthma.
Nicht nur in Bezug auf das Allergen, auch in Bezug auf die Auspr?gung und die Beschwerden unterscheiden sich Allergien untereinander. Eine so genannte?Soforttyp-Allergie, auch als Typ-I-Reaktion bezeichnet, tritt bereits Sekunden bis Minuten nach Kontakt mit dem Allergen auf, sie kommt beispielsweise h?ufig bei einer allergischen Reaktion der Nasenschleimhaut vor. Am anderen Ende in Sachen Reaktionszeit steht die Allergie vom verz?gerten Typ (Typ?IV). Hier treten die Beschwerden erst nach 12 bis 72?Stunden auf, wie etwa bei einem allergischen Hautausschlag. Wie schnell eine Allergie auftritt und welche Symptome sie hervorruft, richtet sich auch danach, über welche Signalwege das Immunsystem aktiviert wird. Bei der Soforttyp-Allergie geschieht dies rasch durch Antik?rper vom Typ?IgE, bei der Allergie vom verz?gerten Typ sorgen so genannte T-Zellen für die allergische Reaktion.
Wie weist man eine Allergie nach?
Anamnese: Um abzukl?ren, welche Allergie vorliegt, erfolgt zun?chst eine genaue Befragung zur Krankengeschichte, auch Anamnese genannt. Dabei fragt der Arzt oder die ?rztin nach aktuellen und früheren Beschwerden, wann diese aufgetreten sind und ob allergische Atemwegs- und Hauterkrankungen bei Familienangeh?rigen vorliegen.
Hauttests: In einem n?chsten Schritt wird oft ein Hauttest durchgeführt. Je nachdem, welche allergische Reaktion man vermutet, wird bei Abkl?rung von Soforttyp-Allergien (Typ?I), deren Symptome rasch meist innerhalb von Minuten auftreten, ein Pricktest, seltener ein Intrakutan- oder Reibtest gemacht. Bei Verdacht auf Kontaktallergien oder Sp?ttypallergien (Typ?IV), bei denen sich die Symptome frühestens nach vielen Stunden, eher nach ein bis zwei Tagen bemerkbar machen, ein Epikutantest.
Blutuntersuchung: Bei allergischen Erkrankungen, die auf einer Soforttyp-Reaktion beruhen, werden h?ufig vermehrt IgE-Antik?rper gegen bestimmte Allergene gebildet. Diese lassen sich im Blutserum nachweisen. Dazu wird Blut entnommen und im Labor untersucht. Das Testergebnis liegt meist nach zwei bis sieben Tagen?vor.
Molekulare Diagnostik: Dieser Nachweis ist wesentlich empfindlicher und kann bei speziellen Fragestellungen deutlich mehr leisten als herk?mmliche Testverfahren. Hier werden IgE-Antik?rper gegen einzelne Allergenmoleküle, so genannte Allergenkomponenten, bestimmt.
Provokationstests: Dabei werden die fraglichen Beschwerden durch die Gabe von Allergenen gezielt hervorgerufen, also bewusst provoziert. Sie gelten als Best?tigungstests und werden insbesondere dann eingesetzt, wenn die anderen Tests nicht eindeutig ausgefallen sind. Die Allergene werden je nach Verdacht nasal (Nase), konjuktival (Bindehautsack), inhalativ (Atemwege) oder oral (bei Nahrungsmittelallergien) verabreicht. Wegen des erh?hten Risikos einer lebensbedrohlichen allergischen Reaktion sollten Provokationstests nur unter ?rztlicher Aufsicht und mit Notfallbereitschaft erfolgen.
Alternative Nachweise: Manche Menschen erhoffen sich eine Abkl?rung von vermeintlich allergischen Beschwerden durch unkonventionelle oder alternativmedizinische Verfahren, beispielsweise durchgeführt von Heilpraktikern, Naturheilern, aber auch manchen ?rztinnen und ?rzten. Betroffene k?nnen zudem Testkits von Internetanbietern oder Labors erwerben und zu Hause anwenden. Bei diesen unkonventionellen Untersuchungen ist der Nutzen allerdings nicht ausreichend wissenschaftlich belegt.
Quelle:?Allergieinformationsdienst, Helmholtz Munich
Warum immer mehr Menschen Allergien haben
Die Zahl der Allergiker und Allergikerinnen hat in den vergangenen Jahrzehnten weltweit stark zugenommen, so verdoppelte sich zum Beispiel in den 1980er?Jahren in Deutschland die Anzahl der Menschen mit Asthma. Zwar steigt die Zahl der Menschen mit Allergien in Deutschland nicht mehr so stark wie noch in den 1970er oder 1980er?Jahren, nimmt aber weiterhin auf einem hohem Niveau leicht zu. Experten wie Claudia Traidl-Hoffmann nehmen an, dass in den kommenden Jahren?sowohl die H?ufigkeit von allergischen Erkrankungen als auch ihre Heftigkeit und Dauer weiter steigen wird, vor allem von Heuschnupfen und Asthma.?Die WHO geht davon aus, dass im Jahr?2050 jeder zweite Mensch auf der Welt an einer Allergie leiden?wird.
Derzeit werden im Wesentlichen zwei Hypothesen diskutiert, warum Allergien auf der Welt zunehmen. Erstens: der Lebensstil und die Hygiene. Weil Eltern behütender werden, Kinder weniger im Dreck spielen und die hygienischen Bedingungen zu Hause immer besser werden, wird das Immunsystem zu wenig gefordert und damit gef?rdert, so die These. ?Wir k?nnen inzwischen sicher sagen, dass dies zutrifft und tats?chlich die Entwicklung von Allergien begünstigt?, so Claudia Traidl-Hoffmann.
Die zweite Hypothese wird auch als ?Schadstoff-Hypothese? bezeichnet: Industrielle Schadstoffe aus der Umwelt, insbesondere feine Luftschadstoffe f?rdern die Entstehung von Allergien. So zeigt beispielsweise eine Studie aus Polen, dass die zunehmende Luftverschmut???? zung ver?ndert, wie sich ein bestimmtes Protein von Birkenpollen faltet, auf das Allergiker reagieren. Auch wenn es noch nicht als sicher gilt, so deutet vieles darauf hin, dass Luftverschmutzung unter anderem die allergieausl?sende Wirkung von Pollen steigert. ?Die von Menschen produzierten Schadstoffe, Chemikalien, auch Medikamente, darunter genauso neue Substanzen, erh?hen das Risiko, eine Allergie zu entwickeln?, erkl?rt Claudia Traidl-Hoffmann. Der Klimawandel mit der globalen Erw?rmung tr?gt nach heutigen Erkenntnissen ebenfalls zur Zunahme von Allergien bei. Die Pollenflugsaison etwa beginnt wegen der w?rmeren Temperaturen immer früher. Und durch die ?nderung der klimatischen Bedingungen wandern zunehmend Pflanzen von anderen Kontinenten und Regionen ein; die ursprünglich aus Nordamerika stammende Ambrosia etwa, ein Ackerunkraut, breitet sich in Deutschland immer weiter aus und ist hochallergen.